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My Home Is My Office

by Daniela 14. Juli 2017 1 comment

„Hast du kurz Zeit für mich?“ fragt mich meine beste Freundin am Telefon. Seit Stunden arbeite ich an einem Werbetext, seit Stunden stecke ich fest. Ihr Anruf holt mich aus einer verzweifelten Situation, in der ohnehin jede Ablenkung willkommen ist.

Ich sage leichtfertig Ja und unterdrücke mein schlechtes Gewissen. Dass es sich um die beste Freundin handelt, ist mir Rechtfertigung genug. Als sie mir eröffnet, dass sie sich nicht entscheiden könne, ob sie im nächsten Frühjahr nach Berlin oder doch nach Barcelona fliegen soll, tut es mir auch schon wieder leid. Wir haben Juli und die Entscheidung drängt nicht. Überhaupt kann es mir egal sein, denn ich komme ja gar nicht mit. Ich frage mich, wie lange es dauern wird, bis ich wieder dort anknüpfen kann, wo ich aufgehört habe und male mir bereits die Konsequenzen eines versäumten Abgabetermins aus.

Ich bin selbständig und mein Arbeitsplatz ist mein Zuhause und umgekehrt. Beides teile ich mit Kindern und Mann. „Super, da kannst du dir ja deine Zeit selbst einteilen!“, höre ich die begeisterten Kommentare. Und genau da liegt das Problem. Ich allein bin dafür verantwortlich, was am Ende des Tages dabei herauskommt.

Im Home-Office zu arbeiten bietet eine Reihe von Vorteilen. Ich spare Fahrzeit, Geld und Ärger seit ich nicht mehr täglich mit dem Auto zwei Stunden pendeln muss. Und ja, ich bin flexibler, wenn es um die Betreuung der Kinder geht. Ich schätze den Blick aus meinem Bürofenster zu jeder Jahreszeit und wenn gar nichts mehr geht, gehe ich hinaus in den Garten, schließlich muss es ja einen Vorteil haben, sein eigener Chef zu sein.

Auf der anderen Seite fehlen mir in meiner freiwillig gewählten Einsamkeit die Gespräche und der Erfahrungsaustausch mit Kollegen. Skype und ähnliche Tools können das gemeinsame Erleben im Team nicht ersetzen. Dazu kommt, dass Arbeit in so angenehmem Umfeld wie einem Zuhause Akzeptanzprobleme mit sich bringt. Als ein Kunde mich bei einem Gespräch über Kosten erstaunt fragte, „Sie machen das also gar nicht als Hobby?“, hat mir das zu denken gegeben. Ähnlich ist es bei Familie und Freunden. Sie sehen mein Auto vor der Tür und schauen „kurz“ vorbei um zu plaudern, schließlich bin ich ja zuhause.

Arbeits- und Privatleben unter einen Hut zu bekommen bzw. zu trennen ist immer eine Herausforderung. Wenn man aber wie ich durchschnittlich diszipliniert ist und im Home Office arbeitet, bekommt das eine eigene Qualität. Viel habe ich im täglichen Ringen der vergangenen Jahre ausprobiert und manches gleich wieder vergessen. Folgendes habe ich verinnerlicht:

  • Arbeit und Privates

Wenn ich mich zur Arbeit nicht aufraffen kann, liegt es manchmal daran, dass meine Umgebung mir zu viel Bequemlichkeit suggeriert. Ohne eine konsequente Trennung zwischen Arbeit und Privatem geht es nicht. Arbeit muss sich deshalb wie Arbeit anfühlen. Ein fixer Zeitrahmen ist für mich unerlässlich. Außerdem sitze ich nicht im Pyjama oder in Jogginghosen vor dem Computer. Kunden, Lieferanten und Partner treffe ich lieber außer Haus, um konzentrierte und störungsfreie Termine zu garantieren, die nicht von Kindern oder Schwiegermüttern unterbrochen werden.

  • Arbeit und Platz

Mein Büro ist in einem eigenen Zimmer untergebracht. Ich kann die Türe schließen und das Chaos je nach Blickwinkel entweder aus- oder einsperren. Die Akzeptanz innerhalb der Familie, dass es sich dabei exklusiv um meinen Bereich handelt, nimmt laufend zu, wenngleich ich noch immer Dinge auf meinem Schreibtisch finde, die nichts mit meiner Arbeit zu tun haben. Das ist Erziehungsarbeit, auch und vor allem an mir selbst. Es hängt immer davon ab, welchen Stellenwert ich meiner Arbeit gerade gebe und was ich anderen vermittle. Das ist umso wichtiger, wenn man sich den Raum teilen muss.

  • Freiheit und Strukturen

Sich selbst die Zeit einteilen zu können, ist Segen und Fluch zugleich. Ich bin zwischen sechs und neun Uhr morgens besonders produktiv. Nachmittags geht weniger und abends gar nichts mehr. Seit ich das berücksichtige, bin ich produktiver und weniger gestresst. Es gibt Geschäftszeiten, in denen ich für Kunden erreichbar bin und die klar Arbeits- und Privatleben trennen. Dadurch gelingt es mir leichter abzuschalten, ich bin nicht mehr zerrissen. Alle wissen jetzt, woran sie sind und ich nehme Störungen nicht mehr so einfach hin.

  • Selbst organisiert

Um mein Zeitmanagement zu verbessern, habe ich viele Systeme ausprobiert und wieder aufgegeben. Ich bin zum Schluss gekommen, dass jeder Mensch das Maß an Planung herausfinden muss, das ihm guttut und ihn unterstützt. Auch wenn ich mich noch so anstrenge, werde ich nicht zum systematischen Typ. Bei mir reichen Planungen selten über die nächsten zwei bis drei Wochen hinaus. Allerdings bin ich sehr genau bei der Einteilung meines Tages. Geblieben ist das simple Modell von Timothy Ferriss (nachzulesen in seinem Buch „Die 4-Stunden Woche“), das ich für meine Zwecke angepasst habe. Ich verwende es gerne und konsequent und beginne keinen Arbeitstag ohne Planung.

Manches ist zur Routine geworden und läuft automatisiert ab. So lade ich Mails nicht automatisch herunter, sondern bestimme den Zeitpunkt, wann ich sie „hereinlasse“. Das zählt mit Sicherheit zu den wenigen Privilegien, die man als Einpersonenunternehmen hat. Anfangs musste ich mich dazu zwingen, denn die Sorge, etwas zu versäumen war groß, jetzt allerdings garantiert es mir ein konzentriertes Arbeiten.

  • Innerer Schweinehund und Energieräuber

Natürlich gibt es Aufgaben, die ich nicht erledigen will und aufschiebe, weil sie unwichtig, langweilig oder mit unangenehmen Gefühlen verbunden sind. Wenn das überhandnimmt, lässt es mir kaum Energie für die Dinge, die mir Freude bereiten. Dann heißt es, die Gunst der Stunde nutzen. Es gibt tatsächlich Phasen, in denen ich gerne aufräume. Manchmal reicht es aus, ohne große Ziele einfach zu beginnen und das Eis ist gebrochen. Sei es auch nur deshalb, weil ich dadurch etwas anderes aufschieben kann. Da entwickelt jeder seine eigenen Strategien, Sascha Lobo und Kathrin Passig haben sie bestens in ihrem Buch „Dinge geregelt kriegen ohne einen Funken Selbstdisziplin“ im Selbstversuch beleuchtet.

Es drängt sich die Frage auf, warum nicht ein Büro mieten? Stunden oder tageweise habe ich schon einen Coworking Space ausprobiert. Da ich aber die Regelmäßigkeit brauche, ist das für mich keine ideale Lösung gewesen. Deshalb heißt es warten, bis ich die laufenden Kosten verlässlich erwirtschafte und meinem Geschäft den Raum geben kann, den es verdient.

Übrigens, meiner eingangs erwähnten Freundin bin ich letztlich dankbar. Schließlich hat sie mir die Idee zu diesem Beitrag geliefert. Arbeit und Privat fließen ja doch immer wieder zusammen, oder?


Literaturhinweise zu den zwei bekannten Klassikern:

Kathrin Passig und Sascha Lobo: Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin, Rowohlt, 2008

Timothy Ferriss: Die 4-Stunden Woche. Mehr Zeit, mehr Geld, mehr Leben, Econ 2008


Autorin: Monika Kräftner schreibt Texte und Konzepte für Werbung und Öffentlichkeitsarbeit. Dabei konzentriert sie sich auf EPU und KMU, Trainer, Therapeuten und Coaches. Gleichzeitig ist sie auch als Thai-Yoga-Praktikerin tätig.

www.freiweg.at

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1 comment

Irmgard 15. Juli 2017 at 20:12

Vielen Dank für diesen Beitrag. Ich habe Privates und unsere Seminarräume mit Büro direkt angrenzend und kenne alle Vorteile und Nachteile. Am wichtigsten finde ich die Disziplin mir selbst gegenüber: sowohl beim Beenden und Abschließen der Arbeit und endlich privat sein und umgekehrt, wenn private Freuden den Arbeitseifer bremsen 😉
Es tut mir sehr gut zu lesen, dass es auch dir und vermutlich vielen anderen so geht. Danke für die Buchtipp. 🙂 Glg Irmgard

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